Nachwort von Prof. Dr. Müller-Blattau

Universität Königsberg i.Pr.

 

Frau Hertha Grudde, der verdienstvollen Sammlerin der Texte, verdanken wir auch die Aufzeichnung der Melodien. Hier waren besonders große Schwierigkeiten zu überwinden. Einem „Fachmann", der die Bringer der Märchen außerhalb ihres Lebenskreises um die Melodien ersucht hätte, wären sie überhaupt nicht vorgesungen worden. So bedeutet es einen einzigartigen Glücksfall, daß die Sammlerin des Wortgutes sich auch der Weisen annahm.

Wie wurden die Melodien ausgezeichnet? Unmittelbar nach dem Singen der Erzählenden, und zwar so, daß Frau Grudde die Melodien selbst nachsang, bis zur vollen Zufriedenheit der Geber. Als Kontroll­instrument für die Tonhöhe diente ein Klavier. Der Einwand, daß die Einschaltung des Instruments eine Fehlerquelle bedeute, wird widerlegt durch die Tatsache, daß der dem Ueberkommenen mit vorbild­licher Treue anhängende ostpreußische Menschenschlag besonders emp­findlich ist gegen die geringste Veränderung einer Melodie. Die Er­zählenden hätten also eine auch noch so winzige Abweichung nicht gutgeheißen.

Konnten Tonfall und Tonhöhe demnach genau festgestellt werden, so bereitete die Aufzeichnung des Rhythmus naturgemäß besondere Schwierigkeiten. Hier durfte unsere Mithilfe einsetzen. Frau Grudde war für uns die Trägerin der Weisen; sie sang sie in der eigentümlich „ziehenden" Art der ostpreußischen Landbevölkerung und hatte sie außerdem in einer sinnreichen Gebrauchstonschrift für sich festgelegt. Wir bemühten uns nun, das melodische und vor allem rhythmische Bild in unserer Notenschrift getreu festzuhalten, entscheidend gefördert durch Frau Gruddes staunenswertes Melodiengedächtnis und ihren herzhaften Widerstand gegen alles, was ihrem Bild der Weise nicht aufs genauste entsprach. Mitglieder des Musikwissenschaftlichen Seminars halfen bei der Arbeit. Den größten Dank unter ihnen verdient die Schulmusiklehrerin Fräulein Luise Gutzeit, die, selbst aufs innigste vertraut mit dem ostpreußischen Volksgesang, es unter­nahm, alle Weisen nochmals an Ort und Stelle mit Frau Grudde durchzugehen.

So entstand das dem Text der Märchen beigegebene Notenbild. Die Tonhöhe ist getreu wiedergegeben. Eine Einebnung auf eine bestimmte „mittlere" Tonlage wurde als der Ueberlieferung wider­sprechend nicht versucht. Die verhältnismäßig tiefe Tonlage mag oft mit dem Alter der Singenden zusammenhängen. Daß die Tonart meist als den unteren B-Tonarten zugehörig ausgezeichnet werden mußte, gehört sicher zur Eigenart der Weisen. Intervalle von weniger als einem Halbton wurden nicht fixiert, dagegen fragliche Ton­höhen mit Fragezeichen versehen, Schleif- und Heultöne als solche gekennzeichnet.

Die Melodien spiegeln, so wie sie hier gegeben sind, einen ganz bestimmten (späten) Zustand des Gebrauchs wieder. Nicht versucht wurde eine Wiederherstellung der Form, wie sie „ursprünglich" etwa hätte gewesen sein können. Der Forscher glaubte sich nur berechtigt, den augenblicklichen Zustand der Weisen, der den Menschen einzig lieb und vertraut ist, festzuhalten. Er ist gekennzeichnet durch einige typische Erscheinungen des Zersingens.

Da ist vor allein das im Kinderlied so häufige Abgleiten aus der Grundtonart in eine andere naheliegende (z. B. 10, 57, 62b u. v. a.). Oft wurde in solchem Falle von vornherein keine Tonalität festgelegt (41), sondern nur Vorzeichen zu den einzelnen Tönen gesetzt. Die zweite Erscheinung ist das Schwanken zwischen dreiteiligem und vier­teiligem Takt, das freilich nicht einen Wechsel der Taktart, sondern eine verschiedene Ausprägung der Helligkeit der Verse bedeutet. Es tritt auf

Abbildung 1 - Nachwort

 

Sehr klar zeigt die Ausprägung des gleichen Tanzrhythmus im 4/4 und 3/4-Takt das Verhältnis der Weise 84 zu 83

Abbildung 2 - Nachwort

 

Oft wurde in ähnlichen Fällen (z. B. 12, 13, 15) eine doppelte Wiedergabe des Rhythmus notwendig; Fermaten und Dehnungsstriche sind gelegentlich verwandt. Die freie Zahl der Senkungen ließ es schließlich oft ratsam erscheinen, die Melodie gar nicht in Takte zu pressen, sondern nur die Zeilen abzuteilen (etwa 11, 13, 19 u. v. a.). Bei fast rezitativisch gesungenen Melodien (etwa 31, 32, 45, 90, 109) war das die einzige Möglichkeit der Wiedergabe, wobei die Frage offen bleibt, ob nicht, wie bei 82, dennoch ein strafferer Rhythmus dahinter­steckt. Auf die Zweitönigkeit bestimmter Worte (etwa in 2 oder 21) sei besonders hingewiesen.

Die Typen der Weisen sind überaus mannigfaltig. Sie reichen von urtümlichen Tierlauten (Vogelstimmen, Hundegeheul und Tauben­gurren), dem „sprechenden" Glockenton (in 61) und der einfachsten Kinderliedweise (44, 71a, 72) bis zur ausgeprägten Polkamelodie des 19. Jahrhunderts (30, 71b). — Die über diese Hinweise hinausgehende wissenschaftliche Beschreibung der Typen und Wiederherstellung der möglichen Urmelodien soll an anderer Stelle gegeben werden.

Von den über 300 Märchen haben 80 Melodien, davon sind hier 61 wiedergegeben. Kein wesentlicher Typus ist unberücksichtigt ge­blieben. Ein unermeßlich reicher Schatz wird damit den Freunden und Erforschern des Volksgesanges erstmalig vorgelegt. Möge er in einer Zeit der Erneuerung des Volksliedes das lebensverbundene Singen in unserer Heimat fördern!

Prof. Dr. Müller-Blattau.


 

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